das freundliche ausrufezeichen – von RALF SOTSCHECK


Das Handy piepst und meldet eine Textnachricht: "C u 4 t." Meine Tochter erklärt mir, was das bedeutet: "See you for tea." Wer keine Zeit hat, jemanden mit einem vollständigen Satz auf eine Tasse Tee einzuladen, brüht in der Eile wahrscheinlich auch ein dünnes Getränk. Textnachrichten und E-Mails verhunzen die Sprache. Es gibt Menschen, die ihre Mitteilungen so wichtig finden, dass sie ALLES IN GROSSBUCHSTABEN schreiben. Das sind dieselben Leute, die unter einer krankhaften Ausrufezeichensucht leiden!

 

Ein Ausrufezeichen sei das Gleiche, als ob man über seine eigenen Witze lache, schrieb F. Scott Fitzgerald. Elmore Leonard, ein US-amerikanischer Schriftsteller, der durch seine Kriminalromane bekannt wurde, meinte: "Man darf nicht mehr als zwei oder drei Ausrufezeichen pro 100.000 Wörter benutzen. Also alle anderthalb Bücher eins." Und in Terry Pratchetts Scheibenwelt-Romanen sagt eine seiner Figuren: "All diese Ausrufezeichen, hast du das bemerkt? Fünf? Ein sicheres Zeichen für jemanden, der seine Unterhosen auf dem Kopf trägt."

 

Man nimmt an, dass das Ausrufezeichen vom lateinischen "Io" stammt - ein Ausruf der Freude oder des Schmerzes. Eines Tages, so vermutet Stuart Jeffries im Guardian, schrieb jemand die beiden Buchstaben übereinander, und so war das Ausrufezeichen geboren. In gedruckter Form erschien es erstmals um 1400. Bis in die Siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hatten die meisten Schreibmaschinen gar kein Ausrufezeichen. Man musste einen Punkt tippen, dann die Rücktaste betätigen und ein Apostroph hinzufügen. Man möge das doch bitte bei Handys und Computern einführen: eine zwölfstellige Tastenkombination für das vermaledeite Zeichen.

 

Das käme den Bewohnern der Stadt Westward Ho! in der englischen Grafschaft Devon allerdings ungelegen. Noch mehr Aufwand müssten die 1.400 Einwohner einer kleinen Gemeinde in Quebec betreiben. Der Ort heißt Saint-Louis-du-Ha!-Ha!. Im Altfranzösischen bedeutete "le haha" ein Hindernis, und im 18. Jahrhundert gab es ein solches Hindernis im Fluss, der durch den Ort fließt. Irgendein Spaßvogel muss später die Ausrufezeichen hinzugefügt haben.

 

Es gibt Menschen, die das Ausrufezeichen verteidigen. Carol Waseleski schreibt in ihrer wegweisenden Dissertation "Der geschlechtsspezifische Gebrauch des Ausrufezeichen in computervermittelter Kommunikation", das Zeichen sei nicht bloß ein Hinweis auf Erregbarkeit, sondern auf Freundlichkeit und werde deshalb von Frauen häufiger als von Männern verwendet. David Shipley und Will Schwalbe finden das auch. Sie schreiben in ihrem Internet-Knigge, dass "Danke!!!" allemal freundlicher klinge als "Danke". Seit wann sind Ausrufezeichen freundlich? "Du Arschloch" hört sich auch mit Ausrufezeichen nicht netter an. Manchmal hat das Zeichen allerdings einen finanziellen Vorteil. Als sich Victor Hugo bei seinem Verleger nach dem Verkaufserfolg seines Buchs erkundigen wollte, telegrafierte er kurz und billig: "?" Die Antwort war ebenso knapp: "!"

 

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