gyros ohne grenzen – von RALF SOTSCHECK


Irgendjemand muss den notleidenden Griechen ja helfen. Ich habe es getan, als ich vorige Woche auf Lesereise war. Erste Station: Osterholz-Scharmbeck. Der Name kommt mir bekannt vor. Hatten die früher einen berühmten Sportverein? Kurz vor der Lesung fällt es mir ein: Spiel ohne Grenzen, jene internationale Show, bei der es meist darum ging, Wasserbehälter über einen Schmierseife-Parcours zu tragen, ohne es zu verschütten. Durch Siege in Harrogate und Brüssel wurde Osterholz-Scharmbeck damals Jahresbester. Das reizende Publikum im Buchladen „Schatulle“ stöhnt auf: Die Sache sei nun 42 Jahre her und somit verjährt.

 

Nach der Lesung fragen mich die beiden Schwestern, denen der Buchladen gehört, ob ich Lust auf griechisches Essen habe. Die Alternative? „Kein Essen.“ Aha, der Grieche ist das Nachtleben von Osterholz-Scharmbeck. Noch bevor wir bestellen, stellt uns der Wirt einen Umsonst-Ouzo hin. Ich bin kein großer Ouzo-Freund. Das Getränk riecht nach Wellensittich, vermutlich enthält es Jod-S11-Körnchen. Normalerweise bekommt man ein Gratisgetränk erst mit der Rechnung, wundere ich mich. „Dann kommt noch eins, und zwischendurch ein weiteres“, erklären die Schwestern.

 

Beim Griechen bestellt man Gyros. Ich mochte diese vielgeschmähten trockenen Schweinefetzen schon immer, und auch diesmal werde ich nicht enttäuscht. Allerdings liege ich mit der Annahme falsch, dass die angelieferte Platte für die gesamte Runde ist. Ich werfe nach der Hälfte das Handtuch. Der Wellensittichschnaps ist mit den Aufräumarbeiten im Magen überfordert.

 

Am nächsten Tag geht es weiter nach Hude. Dort findet das sechste Celtic Days Festival statt. Der rundliche Alfred, Mitorganisator des Festivals, holt mich vom Bahnhof ab und schlägt einen kleinen Imbiss vor – bei Sorbas, dem Griechen. Ich bin vom Vorabend gewarnt und bestelle eine kleine Portion Gyros, man muss mit der Griechenlandhilfe ja nicht übertreiben. Diesmal schaffe ich drei Viertel der Portion. Alfred hat sich eine „Huder Calzone normal“ bestellt. Er bekommt eine fliegerbombenartige Pizza, die mit einem unvorstellbaren Haufen Gyros vollgestopft ist. Weil die Norddeutschen keine Berge haben, bauen sie sich offenbar welche aus Gyros. Wieso er „normal“ bestellt habe, will ich wissen. „Weil ich sonst immer spezial nehme – mit extra Gyros.“

 

Abends werde aber richtig gegessen, meint Alfred. Nach dem Auftritt sind hinter der Bühne mehrere Warmhaltebehälter aufgebaut. Ich hebe einen Deckel hoch: Gyros. Ächz. Ich ahne, wer für das Catering zuständig ist: Sorbas, der Grieche. Wenigstens darf man sich selbst bedienen und kann sparsam dosieren. Von der Hilfe für notleidende Griechen habe ich die Nase voll. Andere Länder benötigen ebenfalls Hilfe.

 

Am nächsten Tag wird nach dem Auftritt Irish Stew serviert, der traditionelle irische Hammeleintopf, denn auch die Iren stehen kurz vor dem Staatsbankrott. Ein muslimischer Musiker, der befürchtet, in die Hölle zu kommen, fragt misstrauisch, ob der Eintopf etwa auch vom Griechen stamme und mit Gyros statt Hammel gekocht wurde.

 

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