die niederträchtige schwarzäugige susanne – von RALF SOTSCHECK


Eigentlich wollte ich nur die Heizung am Boiler im Gartenschuppen etwas höher drehen, weil Frost angesagt war. Doch auf dem Weg zum Schuppen stellte mir die schwarzäugige Susanne ein Bein, so dass ich ins Brombeergestrüpp fiel. Während ich die Stacheln aus den Armen pickte, wurde mir klar, dass etwas geschehen musste.


Die schwarzäugige Susanne ist keineswegs eine niederträchtige Bekannte von mir, sondern eine niederträchtige Schlingpflanze, auf lateinisch heißt sie „Thunbergia alata“. Sie muss sich in einem unbeobachteten Augenblick in den Garten geschlichen haben. Das gilt allerdings auch für das Brombeergestrüpp und all das andere Unkraut, dass den Garten in einen Miniaturdschungel verwandelt hatte.


Unkraut ist laut Bibel die Strafe Gottes für den Sündenfall. Im 1. Buch Moses heißt es: „Verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen.“ Im Lexikon wird Unkraut als „Pflanzen der spontanen Begleitvegetation in Kulturpflanzenbeständen, die dort nicht gezielt angebaut werden“, definiert. Nun überleben Kulturpflanzen in unserem Garten jedoch nie sehr lange. Sie reagieren auf mich trotz all meiner Bemühungen ähnlich wie elektronische Geräte und verabschieden sich spontan. Ich habe es sogar mit der Prinz-Charles-Methode versucht und mit den Pflanzen gesprochen. Offenbar erschreckt sie meine Stimme aber dermaßen, dass sie sich davon nicht mehr erholen. Es musste also ein Experte her. Ein Freund riet mir, ich solle seinen Nachbarn John beauftragen, den Garten in Ordnung zu bringen, denn er habe im Gegensatz zu mir ein gutes Verhältnis zu Pflanzen. John legte sofort los. Als ich ein paar Tage später von einer Hochzeitsfeier in London zurückkehrte, stellte ich überrascht fest, dass vor dem Haus vier riesige Müllcontainer standen. Im ersten lag das Brombeergestrüpp. Der zweite enthielt den Rasen. John hatte ihn fein säuberlich abgetragen. Im dritten Container befand sich der Baum, der bis dahin im Garten beheimatet war. Der vierte Container war noch leer. Das machte mich misstrauisch.


Als ich im Garten nachsah, war John gerade dabei, die letzte verbliebene Pflanze auszugraben. Wo früher Rasen war, lagen nun braune Kieselsteine. Ein Weg aus braunen Schieferplatten führte zum braunen Schuppen. Neben einen braunen Zaun hatte er eine Sitzgruppe aus braunem Stein und ein großes braunes Rankgerüst montiert. Es gab jedoch keine Pflanzen mehr, die sich daran hochranken könnten. Vor der Gartentür hatte John ein braunes Dach angebracht, damit ich „auch bei Regen im Garten rauchen“ könnte. War braun möglicherweise seine Lieblingsfarbe? Es sei ein Sonderangebot gewesen, antwortete er.


Nachdem ich meine Sprachlosigkeit überwunden hatte, bat ich ihn sarkastisch, wenigstens ein paar Braunlilien aus Plastik zwischen die Kieselsteine zu stecken. Er habe sich genau an meine Vorgaben gehalten, erklärte er beleidigt. Ich hatte von einem „low-maintenance garden“ gesprochen, also einem wartungsarmen Garten. Er hatte „no-maintenance“ verstanden, also wartungsfrei. Ab und zu muss man allerdings Staub wischen.

 

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