Die brasilianischste Stadt Irlands


Ralf Sotscheck - Die Hure unter den Eisenbahnen

Aus Gort - Ralf Sotscheck


Um elf Uhr nachts füllt sich der Saal langsam. Aus den Lautsprechern dröhnt Samba-Musik vom Band, zu der ein halbes Dutzend Paare tanzen. Draußen regnet es, die Temperaturen sind herbstlich, aber die jungen Frauen sind gekleidet, als ob sie an der Copacabana in Brasilien sind. Dort kommen sie auch her.


Aber hier ist nicht Brasilien, sondern Gort, ein kleiner Ort im Westen Irlands. Cristina kam vor vier Jahren, ihre Schwester und deren Mann waren bereits ein Jahr zuvor nach Irland ausgewandert. Cristina ist Ende 20, sie stammt aus São Paulo. Sie hat ihre langen schwarzen Haare zu einem Zopf zusammengebunden, damit sie beim Tanzen nicht stören. „Meine Schwester schwärmte mir vor, dass man in Irland in einer Woche so viel verdienen kann wie in Brasilien in einem Monat“, erzählt sie. „Als sich mein damaliger Freund von mir trennte, fiel mir der Entschluss leicht, zu meiner Schwester nach Gort zu ziehen.“ Sie wohnt noch immer bei der Schwester und ihrem Mann, Geld verdient sie als Putzfrau.


Die brasilianischen Feste, die regelmäßig stattfinden, helfen ihr, das Heimweh zu mildern.
An diesem Abend trifft man sich im Castle Inn, einem typischen irischen Country Pub. Der Flachbau liegt an der Hauptstraße von Gort nach Loughrea. Die linke Tür führt in die Bar, wo ein paar Bauern vor ihren Biergläsern an der Theke sitzen. Rechts geht es in einen großen Raum mit Bühne und Tanzfläche. Die Stühle und Bänke sind mit rotem Plüsch bezogen, an den Wänden hängen Landschaftsbilder, die durch Punktstrahler beleuchtet sind. Hinter der langen Theke bedient eine junge Irin. Das Guinness muss sie aus der Bar holen, aber die Brasilianer trinken es ohnehin nicht gerne. Die meisten halten sich an Limonade, denn sie sind mit dem Auto gekommen, und auch im ländlichen Irland sind die Alkoholkontrollen in den letzten Jahren verschärft worden.


Für etwas brasilianischen Flair sorgen die grün-gelben Fähnchen und Plakate, an den Toilettentüren kleben Zettel, auf denen in Portugiesisch auf das Rauchverbot hingewiesen wird. Um halb zwölf tritt endlich die Band auf, die für neun Uhr angekündigt war. Fünf Musiker mit Gitarre, Geige, Tamburin, Triangel, Trommel, und eine blonde Brasilianerin mit Knopfakkordeon. Alle tragen rote Plastikhüte mit breiter Krempe, die vorne nach oben gebogen ist. Jetzt strömen auch diejenigen auf die Tanzfläche, die bei der Musik vom Band sitzen geblieben waren.


Eric ist der Fahrer der Band, nachts um drei muss er die Musiker wieder nach Dublin bringen, das sind drei Stunden Fahrzeit. „Heute bin ich auf den Tag genau neun Jahre in Irland“, sagt er. Eric ist Ende 20, hat ein dünnes Bärtchen und trägt eine grün-gelbe Wollmütze. Die braucht er auch: Es ist der schlechteste Sommer seit 170 Jahren. „Das Wetter ist grauenhaft, aber ich bin gerade aus Brasilien zurückgekehrt und habe noch etwas Sonnenreserven“, sagt Eric. „Und Weihnachten habe ich noch mal zwei Wochen Urlaub.“


Er besitzt eine kleine Farm im Zentrum Brasiliens, die von seinem Bruder bewirtschaftet wird. Irgendwann will er dorthin zurückkehren. „Bis dahin muss ich aber Geld verdienen“, sagt er, „weil ich ein Stück Land zwischen meiner Farm und dem Fluss kaufen will.“ Dort sollen Ferienhäuser entstehen, die er an irische Touristen vermieten möchte. „Wenn ich ihnen Fotos von der Gegend zeige, werden sie begeistert sein“, sagt er. „Es ist der schönste Ort der Welt.“
Den Job als Fahrer der Band macht er ehrenamtlich. „Wir wollen den Iren brasilianische Kultur näher bringen“, sagt er. „Wir fahren an den Wochenenden durchs Land. Vorigen Samstag kamen 1.500 Menschen zum Auftritt der Band.“ Heute sind es höchstens 150, aber die Stimmung ist ausgelassen. Man ist unter sich, bis auf zwei junge Iren, die von ihren brasilianischen Freundinnen mitgebracht worden sind. „Normalerweise ziehen unsere Feste mehr Einheimische an“, sagt Eric. Sein Geld verdient er als Gabelstaplerfahrer in Dublin. Früher hat er in der Fleischfabrik in Gort gearbeitet, wo vor neun Jahren alles angefangen hat.
Dem Besitzer, Seán Duffy, gingen damals die Facharbeiter aus. Da erfuhr er, dass in Anápolis eine Fleischfabrik geschlossen wurde. Er reiste nach Brasilien und kehrte mit fünf Fachkräften zurück. Unter deren Freunden sprach es sich schnell herum, dass man in Irland Geld verdienen konnte, und so zogen viele mit ihren Familien nach.


Gort, eine 1.300 Jahre alte Ortschaft an der Hauptstraße von Galway nach Limerick, hat 3.000 Einwohner. Es ist die am schnellsten wachsende Stadt in Irland, und das leigt an den Brasilianern, die ein Drittel der Bevölkerung ausmachen und auch das Straßenbild verändert haben. Gegenüber vom Lidl-Supermarkt liegt ein brasilianischer Modeladen, ein paar Türen weiter werden im „Via Brazil Ireland“ Kochbananen, Maniok, Abobora-Kürbisse und Okra-Gemüse angeboten. Die Western Union Bank hat in Gort eine Filiale wegen der Geldtransfers nach Brasilien eingerichtet.


Aber so viel Geld wie vor einem Jahr wird nicht mehr überwiesen. Das irische Wirtschaftswunder ist vorbei, in diesem Jahr prophezeien die Experten ein Nullwachstum. Im August ist die Arbeitslosigkeit auf 6,1 Prozent gestiegen – das sind fast 75.000 Menschen mehr als zwölf Monate zuvor. Auch die Fleischfabrik in Gort hat dichtgemacht.
„Die Menschen ziehen nun der Arbeit hinterher“, sagt Gustavo, der eleganteste Tänzer auf dem Parkett im Castle Inn. Er ist seit elf Monaten hier, ein Jahr will er noch bleiben. Er arbeitet für „Brazil for all“, eine Organisation, die den Tourismus in Brasilien ankurbeln will, sich aber auch um die brasilianischen Einwanderer kümmert. „Wir helfen ihnen, wenn sie Schwierigkeiten mit den Behörden haben, wir organisieren Sprachkurse, und wir produzieren eine Zeitung in englisch und portugiesisch.“ Es ist für seine Landsleute nicht mehr so einfach wie früher, sagt Gustavo: „Noch leben etwa 10.000 Brasilianer in Irland. Viele davon sind Studenten in Dublin. Auf dem Land werden sie immer mehr zu Tagelöhnern.“
Sie warten morgens am Marktplatz in Gort, ob ein Bauer oder Bauunternehmer vorbeikommt und ihnen für einen Tag oder eine Woche Arbeit gibt. Die Iren kennen das, sie haben einen Begriff für die Wanderarbeiter: Spailpín Fánach. Früher warteten die Iren in London im Morgengrauen am Straßenrand auf die Lastwagen der Unternehmer, sie haben Häuser, Eisenbahnstrecken und den Kanaltunnel gebaut. Viele haben die Arbeit mit dem Leben bezahlt.
Dann, Anfang der neunziger Jahre, begann Irlands Wirtschaft zu boomen, das Auswandererland wandelte sich zum Einwandererland. Es kamen Chinesen, Nigerianer, und mit der EU-Erweiterung Polen und Balten. Die Zahl der Immigrantzen versechsfachte sich zwischen 1987 und 2007. Tausende von Iren, die zum Teil zwanzig, dreißig Jahre im Ausland gearbeitet hatten, kehrten in ihre Heimat zurück. Die Bevölkerung Irlands wuchs auf über vier Millionen Menschen.


Aus und vorbei. Die Emigration hat den höchsten Stand seit 1990 erreicht. Zwar sind genaue Angaben nicht möglich, weil es keine Meldepflicht gibt, aber viele der Auswanderer kehren offenbar in ihre Heimatländer zurück. 2005 gingen 800 Menschen in die zwölf neuen EU-Mitgliedsstaaten, im vorigen Jahr waren es 7.000.
In Gort sieht man überall Schilder mit Wohnungsangeboten. Noch vor einem Jahr war das anders, Wohnungen waren knapp. 80 Prozent aller Mietwohnungen in Gort waren von Brasilianern bewohnt. Viele von ihnen wollen wieder nach Hause. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) bietet dabei Hilfe an. Wer sich illegal in Irland aufhält und kein Geld für die Heimreise hat, kann bei der IOM einen Antrag auf Beihilfe stellen. Das gilt natürlich nicht nur für Brasilianer. Doug Cubie, der das Programm koordiniert, sagt, dass bis vor einem Jahr nur wenige Brasilianer davon Gebrauch gemacht haben. „Jetzt sind es bereits 40 Prozent aller Antragsteller“, sagt er. Die meisten sind relativ neu in Irland, sprechen kaum Englisch und haben keinen Job bekommen.


Andere wollen unbedingt bleiben. Cristina erzählt von ihrer Freundin Gardenia, die Angst vor der Ausweisung hat. „Ihr Vater ist Ende 2006 in Brasilien gestorben“, sagt Cristina. „Sie traute sich nicht zu seiner Beerdigung, weil sie befürchtete, ohne Arbeitserlaubnis nicht mehr nach Irland hineingelassen zu werden. Als ihre Mutter sie kurz darauf besuchen wollte, wurde sie in Dublin schon im Flughafen gleich wieder zurückgeschickt.“
Bis 2004 konnten die Brasilianer ungehindert als Touristen einreisen. Doch mit der Osterweiterung der Europäischen Union sind die Grenzkontrollen verschärft worden. Zwar benötigen Brasilianer kein Visum, aber sie müssen den Zollbeamten nachweisen, dass sie genügend Geld für ihren „Urlaub“ haben. Jeder Dritte kann das nicht und muss draußen bleiben.


„Die Behörden haben uns ins Land gelassen, als wir gebraucht wurden“, sagt Cristina. „Sie haben die Augen zugedrückt, aber uns keine Aufenthaltsberechtigungen gegeben. Dadurch können sie uns nun, wo es keine Arbeit mehr für uns gibt, einfach hinauswerfen und behaupten, sie haben von unserer Existenz bisher gar nichts gewusst.“
Ende

 

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