Rauchfreie Zone


Hinter der Eingangstür ist kein Weiterkommen. Die Menschen stehen dichtgedrängt am Tresen, nur die Musiker haben Anrecht auf einen Sitzplatz am einzigen Tisch gleich neben dem Eingang. Die beiden Fiddler, der Gitarrist, die Blechflötistin und der Dudelsackspieler kämpfen gegen Stimmengewirr und Gläserklirren an – O´Donoghue´s am Wochenende.


Der Pub in der Dubliner Baggot Street gilt als „Wiege des Balladen-Booms und Brutstätte der Singing Pubs“, wie es in einem irischen Reiseführer heißt. Declan Barden ist der einzige, der in dem Chaos den Überblick behält. Zwar glänzt seine Halbglatze vor Schweiß, doch das weiße Oberhemd und die Krawatte sitzen tadellos. Barden, seit fast 20 Jahren Besitzer von O´Donoghue´s, steht auf einer winzigen Trittleiter hinter dem Tresen wie ein Kapitän auf der Kommandobrücke. Von der obersten Stufe aus nimmt er die Bestellungen der hinten stehenden Gäste entgegen, die es nicht schaffen, sich bis zum Tresen durchzuschlagen.


Seit Irland als erstes Land der Welt Ende März ein Rauchverbot erlassen hat, das an allen Arbeitsplätzen gilt, können sie den Tresen aber wenigstens sehen, meint Liam Clarke, Stammgast seit 30 Jahren. „Die Atmosphäre ist hinüber“, sagt er. „Ich rauche seit zehn Jahren nicht mehr, aber zum Pub gehört Qualm. Die Iren nehmen es hin wie Lämmer. Die Raucher gehen alle paar Minuten vor die Tür. Was ist bloß aus dem rebellischen Geist der Iren geworden?“


The Brian Ború im Nord-Dubliner Stadtteil Phibsborough ist eine der wenigen irischen Kneipen mit Biergarten. Um dem bisher recht kühlen Frühling ein Schnippchen zu schlagen, hat man Gasheizungen im Biergarten aufgestellt, und eine Handvoll Gäste hat das Angebot dankbar angenommen. Zwischen den Zigaretten gehen die Raucher jedoch zurück in die Bar, um sich aufzuwärmen. „Es ist demütigend“, sagt einer von ihnen. „Du kommst dir vor wie ein Schuljunge, der sich zum Rauchen aufs Klo verzieht. Es ist gemütlicher, wenn ich ein paar Sixpacks besorge und meine Freunde zu mir nach Hause einlade.“


>Der Trend, zu Hause zu feiern, hat allerdings nicht erst mit dem Rauchverbot eingesetzt. Guinness vermeldete beim Kneipengeschäft einen Umsatzrückgang von acht Prozent im zweiten Halbjahr 2003. Gleichzeitig stieg der Außer-Haus-Verkauf um drei Prozent. „Ob das Rauchverbot das Geschäft noch mehr schädigt, lässt sich bisher noch nicht sagen“, meint Peter Hedigan, der Besitzer des Brian Ború. „Das wird sich erst in ein paar Monaten herausstellen. Noch überwiegt die Neugier. Die Leute wollen einfach sehen, wie eine Kneipe ohne Rauch aussieht und wie die Raucher das aushalten.“


Guinness macht sich jedoch Sorgen. Der Getränke-Multi, der das berühmteste irische Getränk herstellt, auch wenn er seinen Hauptsitz längst in England hat, will mit einer 500.000 Euro teuren Werbekampagne die Trinker bei der Stange halten. „Es gibt keinen besseren Ort als dein Wirtshaus um die Ecke“, so der Tenor der Kampagne, bei der Menschen in den verschiedensten irischen Dialekten das „verlängerte Wohnzimmer“ der Iren preisen. Die geplante Preiserhöhung von sechs Cent für das Pint – jene Maßeinheit von 0,56 Liter, die jeglichen Dezimalisierungsversuchen widerstanden hat – ist vorsichtshalber auf Juni verschoben worden.


Darüber hinaus verschenkt Guinness 10.000 Pints an Stammtrinker, die sich auf der Website der Brauerei registrieren lassen. Die Guinness-Aktion hat den Gesundheitsminister Micheál Martin alarmiert. Er hat das Rauchverbot praktisch im Alleingang gegen den Protest vieler seiner Parteigenossen durchgesetzt, und nun hat er dem übermäßigen Alkoholkonsum den Kampf angesagt. Freigetränke passen ihm deshalb überhaupt nicht ins Konzept. Er will jedoch erstmal abwarten, bevor er etwas gegen die Werbekampagne unternimmt.


Mit dem Erfolg seines Rauchverbots ist der Minister bisher hoch zufrieden. Es werde jedes Jahr bis zu 150 Leben retten, glaubt er. „Wir haben die höchste Rate an Herzerkrankungen in Europa“, sagt Martin. „Das Rauchverbot wird dzu beitragen, diese Zahl zu verringern. Die Menschen haben mich auf der Straße angesprochen und gebettelt, dass ich ja nicht weich werde.“ Laut Umfragen sollen mehr als zwei Drittel der Bevölkerung für das Rauchverbot sein, selbst unter Rauchern gibt es angeblich eine deutliche Mehrheit dafür. Keiner der Raucher, die im Brian Ború nun vor der Tür rauchen müssen, hat jedoch ein gutes Wort für das Verbot übrig. „Man hat uns zu den Versuchskaninchen Europas gemacht“, sagt einer entrüstet.


Die Gewerkschaft der Wirtshausangestellten und der Ärzteverband haben das Rauchverbot unterstützt. Das Argumente der Gastwirte, dass ihr Geschäft dadurch ruiniert wird, lässt Martin nicht gelten. In den New Yorker Bars sei der Umsatz in den zehn Monaten seit Einführung des Rauchverbots um 8,7 Prozent gestiegen, sagt der Minister. Das werde auch in Irland so sein, glaubt er, denn viele haben den Pub wegen der verräucherten Luft bisher gemieden. Die Meldungen aus den Grenzregionen sprechen jedoch dagegen. Viele Wirte beklagen Umsatzeinbußen, weil die Raucher nun einfach über die Grenze in nordirische Kneipen gehen.


Probleme mit uneinsichtigen Rauchern erwartet Martin dennoch nicht. Mit seinem Gesetz hat er die Gastwirte zu Hilfspolizisten gemacht. Sie müssen 3.000 Euro Strafe zahlen, wenn jemand in ihrem Pub beim Rauchen erwischt wird. Der Raucher kommt billiger davon. Dave Molloy, der Chef der neu gegründeten Tabakpolizei, sagt: „Jeder bekommt eine Bewährungschance. Beim zweiten Mal geht die Sache vor Gericht.“ Bisher musste die Tabakpolizei nur wenig eingreifen, obwohl von der Telefonnummer für Denunzianten bereits rege Gebrauch gemacht wurde. Martin hat eine kostenlose Telefonnummer eingerichtet, wo man Kneipiers anonym anschwärzen kann.


Die Polizei ist allerdings nicht uneingeschränkt glücklich mit dem Rauchverbot. „Die Drogenhändler könnten davon profitieren“, sagte ein Polizist. „Sie müssen nicht mehr in den Diskotheken das Risiko eingehen, von den Sicherheitsangestellten durchsucht zu werden. Es stehen ja nun genügend Menschen auf der Straße, um zu rauchen. Dadurch ist es für die Drogenhändler einfacher, ihre Geschäfte zu machen.“


Außer in den Kneipen ist das Rauchen auch an 200.000 anderen Arbeitsplätzen verboten. So muss die Hauptdarstellerin von Brian Friels Theaterstück „Dancing at Lughnasa“ nun Kräuterzigaretten rauchen. In der Dubliner Soap Opera „Fair City“ ist das rauchen ebenfalls verboten. Die Leute dürfen in den Kneipenszenen nicht mal vor der Tür rauchen, weil das für das Kamerateam der Arbeitsplatz wäre, wenn gedreht würde. Auch in Dienstwagen gilt das Rauchverbot, und selbst im eigenen Haus darf man nicht rauchen, solange ein Handwerker die Waschmaschine repariert oder das Wohnzimmer tapeziert.


Am spektakulärsten macht sich das Rauchverbot aber in den 10.000 Kneipen bemerkbar, denn bis es in Kraft trat, konnte sich niemand vorstellen, dass es durchsetzbar wäre. Das Róisín Dubh in Galway, der größten Stadt an der Westküste, ist ein verwinkelter Pub mit Wänden aus unbehauenem Stein. Durch Holzbalustraden ist der Raum in viele Nischen unterteilt. In einer gibt es einen Kamin, in einer anderen ein Bücherregal. Im zweiten Raum hinter einem Torbogen liegt die Theke. Die Live-Musik spielt im dritten Raum. Auf der Bühne steht der Sänger und Gitarrist Gary O´Briain, unterstützt von mehreren Gastmusikern.


Vor der Tür unter einer Markise haben sich die Raucher versammelt, in der einen Hand ein Getränk, in der anderen die Zigarette. Man kann die Musik hier draußen gut hören. Doch der Kellner verscheucht die Raucher. „Der Platz unter der Markise gehört zu unserem Grundstück, deshalb gilt das Rauchverbot auch hier“, sagt er übereifrig. Als eine Raucherin mit ihrem Weinglas ein paar Schritte zur Seite in den Nieselregen geht, ruft er sie zurück. „Sie dürfen ihr Getränk nicht mit auf die Straße nehmen“, sagt er. Die Raucherin scheint einen Moment zu überlegen, ob sie ihm den Wein über sein weißes Hemd schütten soll, stellt das Glas dann aber auf den Bürgersteig und geht wortlos weg.


Auf Konfrontation sind jedoch nur wenige Barleute und Kneipiers eingestellt. Die meisten versuchen, das Leiden der Raucher etwas zu verringern, indem sie in ihren Hinterhöfe Markisen oder Schirme aufstellen. Manche Wirte haben bis zu 10.000 Euro für raucherfreundliche Maßnahmen ausgegeben. Sie hatten bis zuletzt versucht, das Rauchverbot abzuwenden, indem sie anboten, effektive Lüftungssysteme einzubauen. Vor zehn Jahren, als die Debatte um das Rauchen in den Pubs begann, hatten die Wirte das noch als viel zu teuer abgelehnt. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass jemand mit dem Rauchverbot ernst machen würde.


Selbst auf dem Land, wo man es mit der Sperrstunde nicht allzu genau nimmt, hat sich das Verbot durchgesetzt. Peter O´Lochlainn, der Besitzer von O´Lochlainn´s Pub im westirischen Ballyvaughan, sagt: „Es ist wunderbar. Mein Husten ist weg, und der Pub stinkt nicht mehr wie eine Räucherkammer.“ Statt dessen riecht er wie eine Wäscherei, wenn der Dampf aus dem Geschirrspüler für Gläser austritt. Der Kolumnist John Waters, der noch nie in seinem Leben geraucht hat, sieht die Sache mit gemischten Gefühlen. „Mit dem Rauchverbot bekommt die Spaßpolizei einen Fuß in die Tür und wird mehr und mehr Bereiche unseres Lebens bestimmen“, befürchtet er. „Irgendwann ist unser Freizeitverhalten so reglementiert, dass keiner mehr unsere Insel besuchen will.“

 

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