Whisky bis zum Abwinken


Das soll die größte Whisky-Bar der Welt sein? Der Holztresen mit sechs Barhockern und den darüber hängenden Vitrinen sieht eher bescheiden aus. Aber es gibt noch einen Nebenraum, wo die Regale bis zur Decke reichen, und auf jedem stehen die Whiskyflaschen in Viererreihen. Und dann ist da noch der Keller, wo die Schätze hinter einer Glasscheibe aufbewahrt werden.


2.500 Whiskysorten hat Claudio Bernasconi in seinem „Waldhaus am See“ im Schweizer Wintersportort St. Moritz zusammengetragen, die Leute vom Guinness-Buch der Rekorde haben nachgezählt. Die Whiskykarte umfasst 72 eng bedruckte Seiten. Man muss schon ziemlich verrückt sein, wenn man ein Hobby mit einer solchen Leidenschaft verfolgt. Der 53-jährige Bernasconi, ein kleiner, schlanker Mann mit Schnurrbart, sammelt seit 1987.


Mit 20 Jahren wollte er ein Hotel kaufen, doch die Bank lachte ihn aus. „Du bist zu jung, und du hast kein Geld – schau dir lieber die Welt an“, riet ihm der Bankdirektor. Das machte Bernasconi. Er jobbte in Südamerika, in Nordafrika und im Fernen Osten. In Indien kam er das erste Mal mit Whisky in Kontakt. „Das Wasser war so schlecht, dass ich mir die Zähne mit Whisky putzte“, sagt er. „Ich gurgelte damit und probierte verschiedene Marken aus.“ Indien, als ehemalige britische Kolonie, hat immerhin 70 Whiskysorten.


Vor 25 Jahren klappte es dann doch mit einem Hotel. Er pachtete das „Waldhaus am See“ und investierte erst mal drei Millionen Franken. Vom Speiseraum blickt man auf den St. Moritzersee und das Dorf am gegenüberliegenden Ufer.

Ursprünglich war St. Moritz nur wegen seiner Stahlbrunnen bekannt, zum Wintersportort wurde es erst nach 1864. Seit 1890 gibt es die einzige Natureisbobbahn der Welt zwischen St. Moritz und Celerina, auf der voriges Jahr die Weltmeisterschaften ausgetragen wurden. Und Olympische Winterspiele veranstaltete St. Moritz gleich zwei Mal, 1928 und 1948. Hermann Hesse, Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, Conrad Ferdinand Meyer, und Richard Wagner haben auf dem selbsternannten „Top Of The World“ Urlaub gemacht. Friedrich Nietzsche hielt es hier dagegen kaum drei Stunden aus und ging lieber ins benachbarte Sils, wo er schrieb: „Jetzt bin ich leicht, jetzt fliege ich.“ Das funktioniert auch mit Whisky, meint Bernasconi. Als er hörte, dass eine Bar in Amsterdam mit hundert Sorten als größte Whisky-Bar der Welt galt, ließ er sich von Flugkapitänen Flaschen aus aller Welt mitbringen. Nach einem Jahr hatte er weit über hundert zusammen. Die Nachfrage beim Guinness-Buch der Rekorde brachte eine Enttäuschung: Ein Sammler hatte 6.000 verschiedene Flaschen in seiner Privatsammlung.


Bernasconis hörte auf, zu sammeln. Er investierte statt dessen noch mal ein paar Millionen Franken ins Hotel und richtete bei der Gelegenheit die Whisky-Bar „Devil´s Place“ ein – „wenigstens die größte der Schweiz“, sagt er. Das war 1996. Im selben Jahr starb der Rekordsammler, die Witwe verkaufte die Flaschen, Bernasconi nahm ihr tausend Stück ab. Damit kam er zum ersten Mal ins Guinness-Buch.


Als ihn zwei Jahre später ein Hotelier anrief und prahlte, dass er schon 980 Whiskys habe und ihn im nächsten Jahr überflügeln werde, besorgte sich Bernasconi einen Kredit und stockte auf 2.500 Flaschen aus 16 Ländern auf. In seiner Privatsammlung stehen weitere tausend Flaschen.


Die teuerste ist ein Macallan von 1878. Wer davon zwei Zentiliter probieren möchte, muss rund 6.600 Euro zahlen, die ganze Flasche kostet 17.000 Euro. Bestellt hat das teure Gesöff noch niemand. „Ich warte auf einen reichen Russen“, meint Bernasconi. Das ist nicht unrealistisch, findet er: „Neulich haben drei Russen an einem Abend eine Zeche für 16.000 Euro gemacht.“Hinter der Theke steht auch ein Weltkriegswhisky. Das britische Kriegsschiff „SS Politician“ hatte 250.000 Flaschen an Bord, als es 1941 vor den Hebriden sank. 1990 wurden die Flaschen geborgen, nur zwölf waren noch intakt. Eine davon besitzt nun Bernasconi.


fährt jedes Jahr zwei, drei Mal nach Schottland und kauft bei den Brennereien Fässer auf, die er zu Hause in Flaschen abfüllt. „Mein Bubentraum ist es, einen eigenen Whisky zu brennen“, sagt er. Am nächsten kam er diesem Traum vor sechs Jahren, als er eine mobile Brennerei mietete und auf dem Hotelparkplatz tausend Liter brannte. Der Whisky wird in diesem Frühjahr abgefüllt. „Für eine richtige Brennerei wären acht Millionen Franken nötig“, sagt er, „weil es zehn Jahre dauert, bis man die ersten Flaschen verkaufen kann. Dafür gibt dir keine Bank das Geld.“


Von St. Moritz ist es nicht weit ins Val Müstair. Aber man muss in Zernez in den Postbus umsteigen. Die Straße ist zugeschneit. Man erkennt sie lediglich an den Stangen, die in den Straßenrand eingelassen sind. Der Busfahrer scheint die Strecke zu kennen, denn er drosselt seine Geschwindigkeit keineswegs. Die Straße durchquert den Schweizer Nationalpark. Vor anderthalb Jahren wurde hier ein Braunbär gesichtet – der erste in der Schweiz seit 1904. Nach dem Ofenpass – benannt nach den Brennöfen, mit denen früher in der Region Kalk gewonnen wurde – auf 2149 Meter Höhe geht es wieder bergab.


In Santa Maria verengt sich die Bundesstraße ins Südtiroler Vinschgau, im Sommer kommt es immer wieder zu Staus. Ausgerechnet an dieser Stelle steht links ein mehr als 500 Jahre altes Häuschen mit einem ovalen Emblem an der Wand: „The Smallest Whisky Bar On Earth.“ Zwischen die schmalen Treppe und der Straße ist ein winziger Balkon gezwängt, auf den gerade mal zwei Leute passen – zwei Raucher, genauer gesagt. Denn in der kleinsten Whisky-Bar der Welt herrscht Rauchverbot, was bei der Größe des Wirtshauses vernünftig ist – es sind genau 8,53 Quadratmeter, die Leute vom Guinness-Buch haben es gemessen.


Gunter Sommer, der Besitzer, stammt aus Deutschland, was die Verständigung erleichtert, denn im Val Müstair wird Romanisch gesprochen. Er ist der Laird of Glencairn. Ein schottischer Adliger? „Man kann in Schottland einen Square Foot Land, also rund 30 mal 30 Zentimeter, für unter hundert Euro kaufen und bekommt dann den Titel dazu“, sagt er. Sommer kam Ende 2003 nach Santa Maria, sein Bruder Detlef folgte zwei Jahre später. Wie gerät man in dieses winzige Nest mit 350 Einwohnern? „Ich lebte in Hannover und hatte die Schnauze voll“, sagt er. „In Santa Maria kannte ich Leute.“


Er mietete das kleine Haus, entrümpelte es und fand dabei eine 400 Jahre alte Holzplatte, die jetzt der Tresen ist. Im Dezember 2006 war die Eröffnung. 32 Gäste drängelten sich in der Bar, in der es 97 verschiedene Whiskys gibt – und Guinness, zwar nicht vom Fass, aber fast. Detlef Sommer holt eine Dose aus dem Kühlschrank und gießt die schale Flüssigkeit in ein Glas. Dann stellt er es auf eine Apparatur, die an eine Kaffeemaschine erinnert. Durch Knopfdruck sendet das Gerät Ultraschallwellen ins Guinness, das in Sekunden wie ein gezapftes Bier aufschäumt und beinahe auch so schmeckt.


Wenn man zur Toilette will, muss man den Kopf einziehen. Hinter der niedrigen Tür wartet eine Überraschung: eine komplette Nasszelle mit Dusche, wie man sie auf Kreuzfahrtschiffen findet. Und dafür war sie eigentlich auch gedacht. „Die Prager Firma, die Schiffe mit diesen Fertigkabinen ausgerüstet hatte, ging pleite, und so haben wir sie billig bekommen“, sagt Sommer.


Die kleine Bar hat große Pläne. Die Sommers vergeben Partnerlizenzen. In Samadan gibt es bereits eine Filiale, demnächst kommt eine in St. Gallen und eine auf schwimmende Bar auf dem Gardasee hinzu. „Bis Ende des Jahres wollen wir hundert Lizenzpartner weltweit haben“, sagt Sommer. „Wenn es fünfzig sind, bin ich auch zufrieden. Wir wollen das Starbucks auf Whiskybasis werden.“ Gemeinsam kann man billiger einkaufen und die Artikel mit dem Firmenlogo preiswerter herstellen lassen: Tassen, Gläser, Schürzen, T-shirts.Für die „Highlander-Woche“ im August haben sich die Sommers etwas einfallen lassen. Auf dem Piz Umbrail soll in 3033 Meter Höhe eine Whiskyprobe stattfinden. Der Berg und seine Umgebung haben während des Ersten Weltkriegs eine wichtige Rolle gespielt. Dort oben standen sich drei Armeen gegenüber.


Die Schweizer Soldaten beobachteten das Geschehen an der österreichisch-italienischen Frontlinie und hatten den Auftrag, einen Übergriff auf Schweizer Boden abzuwehren. Zwar kam es nicht zu Kampfhandlungen, aber 2000 Soldaten verhungerten oder erfroren im Eis. Noch heute findet man im Sommer wegen der Gletscherschmelze immer noch Leichen und Geschütze aus dieser Zeit. In Santa Maria gibt es eine Ausstellung zu diesem Thema, das Museum liegt nur ein paar Meter von der Whisky-Bar entfernt.


Dort ist es inzwischen eng geworden, um Mitternacht sind vier weitere Gäste gekommen. Die Sommers schließen ihre Bar erst dann, wenn niemand mehr etwas trinken will und der letzte Gast ins Schneegestöber hinausgewankt ist. Aber in Santa Maria ist man nie weit von seinem Bett entfernt.

 

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